Weltasche Kapitel 10 - Ein erster Einblick



Liebe Leser, Fans, Unterstützer, Freunde und Interessierte. In der letzten Septemberwoche soll die Fortsetzung von Kernstaub - Weltasche 1 - erscheinen. In einem Event feiern wir der Veröffentlichung des Buches entgegen und nach und nach werde ich dort einige Zitate und erste Einblicke in die Welt vorstellen. Ihr durftet heute darüber abstimmen, in welchen der 4 Handlungsstränge aus Weltasche ihr einen ersten Blick werfen möchtet und eure Wahl fiel auf einen vollkommen neuen Charakter. Leo. Sie wird in Kapitel 10 das erste mal vorgestellt und bietet nicht nur eine vollkommen neue Sichtweise auf das Kernstaub-Universum, sondern hat auch ihre ganz eigenen Probleme und Rätsel, die es zu lösen gilt. Viel Spaß bei einem ersten Einblick in Weltasche 1! Wichtig: Der Abschnitt ist noch unlektoriert. Sobald er lektoriert ist, werde ich ihn auch hier updaten.


K A P I T E L 10
In dem ihr ein Lied von Welten und Wurzeln gesungen wird

Im Licht der Sonne spiegeln sich alte Welten in deinen Augen. Im Hoffnungsland ewiger Träume zieht selbst das Meer der Kälte sich zurück. Sieh, auf unserer Türschwelle liegen Blumen und Enden. Ich möchte beides aufsammeln und mein Lager auf ihnen einrichten.


41 N.TH. – 2639 N.CHR. – DIE QUALLENPHASE – 13. UMBRUCH
10. & 11. FEBRUAR



Morgens ist die Sonne am schönsten. Wenn sie noch nicht ganz um den Rand der Welt geschlüpft ist und die Atmosphäre in warmen Tönen schimmern lässt. In diesen wenigen Momenten, in denen sich das Licht nur in einem schmalen Streifen um die Wölbung der Erde legt, wirken die Wolken unter ihnen wie verlorene Schafe auf einer blauen Weide. In allen Farben schimmern sie dann manchmal, als sängen sie ein stilles, buntes Lied zur Begrüßung des Tages.
Leo liebt diese Stunde. Sie liebt sie so sehr, dass sie nur dasitzt und aus dem Fenster starrt, hinüber zur Sonne, dann hinab auf die Welt, über der sie schweben, und wieder zurück. Worte sind in diesen Augenblicken nur fahl nachhallende Nichtigkeiten, dumpf drückendes Rauschen im Hintergrund. Sie könnte sich ebenso allein in dem dunklen Raum mit den großen Fenstern aufhalten. Zu dieser Stunde macht das keinen Unterschied.
Leo? Leo, hörst du mir überhaupt zu?‹
Der Morgen ist wie eine Geburt, denkt sie. Wie der Beginn eines neuen Lebens, nachdem wir die Nacht ausgehalten haben. Der Morgen ist – wie die Geburt – nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende eines Spiels. Erlebst du ihn, hast du bereits gewonnen.
Leo?‹
Ich liebe die Wolken.‹
W-was?‹
Ich liebe die Wolken‹, wiederholt sie. ›Die Bäume und die Quallen lieben sie auch.‹ Das glasklare Material, aus dem das Fenster besteht, spiegelt nicht und hat zumindest in ihrem Sichtfeld keine Kanten und Ränder. Das in den Boden eingelassene Polster, auf dem sie sich im Schneidersitz niedergelassen hat, ist so weich, dass der Eindruck, durch das All zu schweben, nur noch intensiviert wird. ›Kannst du dich noch daran erinnern?‹, setzt sie nach langen Momenten des stillen Hinausschauens wieder an. ›An die Zeit, als wir noch Wolken waren, meine ich.‹
Verschwommen.‹ Die Antwort ihrer Mutter kommt verzögert und leise. Als hätte sie erst darüber nachdenken müssen, ob sie überhaupt auf die Frage reagieren soll. Aber sie befinden sich beide allein in der geräumigen Wohnung, weswegen niemand einschreiten und ihr das Gespräch abnehmen kann, wie sonst so oft.
Das ist doch traurig, oder?‹ Leos Worte sind kaum mehr als ein Flüstern, das die Stille des Raums nur wie ein Windhauch vertreibt. ›Ich meine … wir waren einmal genau wie sie. Und jetzt nehmen wir sie kaum mehr wahr. Als wären sie ein gewöhnlicher Teil dieser Welt … und nicht die Hüllen, in denen wir einmal gelebt haben.‹ Sie sieht nicht, wie Theia hinter ihr auf und ab geht, hört nur ihre leisen Schritte durch das Zimmer klingen.
Ich denke … du unterhältst dich zu viel mit den Bäumen‹, kommentiert sie vorsichtig. ›Hast du mir überhaupt zugehört?‹
Leo nickt und löst zum ersten Mal seit Minuten ihre Augen von dem Schauspiel vor dem Fenster, um ihre Gesprächspartnerin anzusehen, die einige Meter von ihr entfernt stehen geblieben ist. Bis auf den ersten Sonnenschimmer wird der Raum von nichts erhellt, sodass die hinteren Winkel und Ecken vollkommen in Schatten getaucht sind.
Ja, ich habe dir zugehört‹, antwortet Leo ruhig. ›Aber ich kann dir nicht helfen, Mutter.‹ Sie weiß nicht einmal, ob sie das möchte. Ob sie jetzt noch versuchen möchte, die Lage zu retten, nachdem sich Theia so lange geweigert hat, ihren Ratschlägen und Anmerkungen auch nur Gehör zu schenken.
Theia stemmt beide Hände in die Hüften, bevor sie geräuschvoll die Luft aus ihren Lungen entweichen lässt und damit fortfährt, unruhig durch die Wohnung zu streifen.
Du weißt, dass du die Einzige bist, die mir helfen kann‹, murmelt sie und Leo lehnt sich zurück, stützt sich auf ihre Arme und blinzelt nach oben. Die Spiegeldecke über ihnen offenbart nur allzu deutlich die dunklen Schatten unter ihren hellblauen Augen. Auch die Haare, die ihr in einem geraden Pony über die Stirn fallen, vermögen es nicht, ihren düsteren Gesichtsausdruck zu verbergen. ›Ich brauche deine Hilfe. Du bist die Einzige, die jetzt noch auf das lauschen kann, was dort unten vor sich geht.‹
Ja.‹ Das weiß Leo nur allzu gut. Seitdem der Kernstaub die unsichtbare Barriere zwischen ihnen und den Erdenmenschen geschaffen hat, funktioniert die Hälfte der Technik nicht mehr. Sie können nicht mehr abhören, nicht mehr sehen und nicht mehr angreifen. Nun müssen sie sich auf jene Macht verlassen, die schon vor der Technologie und vor den Menschen existierte. Auf Leos Verbindung zu den schlafenden Seelen. ›Aber ich habe dir schon erklärt, dass ich nichts hören kann. Zumindest nichts, das für dich von Belang wäre.‹ Genau genommen ist sie froh, wenn sie das ewige Lied ausblenden kann, das die Quallen über ihr Sterben singen; driftend in den giftigen Weltmeeren, vom Kern ans Leben gefesselt, selbst wenn ihre kleinen Körper schon zerfleddert durch die braune Suppe treiben, die sich kaum mehr Wasser nennen kann. ›Der sterbende Wald über der Raumstation macht es nicht besser.‹ Die Bäume, die der Kernstaub dort geschaffen hat, sind nicht richtig, nicht echt wie andere Bäume. Aber sprechen können sie wie alle anderen. Leiden ebenso. Die Schreie klingen wie die der Quallen. Die Seelen in ihnen winden sich, tanzen einen schmerzvollen Tanz mit dem Tod.
Ich wünschte, ich könnte dir das ersparen.‹ Theias Stimme ist weich, als sie sich endlich in einiger Entfernung von ihrer Tochter auf ein Polster im Boden gleiten lässt und unruhig mit den Fingern über das glatte Material streift. ›Aber diese ganze Sache macht mich … unruhig.‹
Ich weiß.‹ Das muss sie kaum zweimal sagen, denn jeder, der Theia kennt, muss sehen, wie ruhelos sie seit dem Vorfall ist. ›Aber das Kernstaub-Mädchen hat ihre Macht wieder verloren. Wie gesagt.‹ In einer schwerfälligen Bewegung streicht sich Leo das hellblonde Haar aus dem Sichtfeld und sinniert über einen Weg, ihrer Mutter möglichst glaubhaft ihren Standpunkt zu vermitteln. Sie möchte einfach nur aus dieser Sache herausgehalten werden.
Trotzdem wissen wir nicht, was sie planen.‹ Die Präsidentin der oberen Welt reibt die schmalen Finger aneinander, streicht dann über ihre Augenlider, als könne sie sich damit selbst beruhigen. Die Brille, die sie normalerweise trägt, scheint sie zusammen mit ihrer Tageskleidung im Schlafzimmer gelassen zu haben, denn bis jetzt ist sie nur in einen dünnen Morgenmantel gehüllt. Ihr karamellbraunes Haar hängt noch wirr über ihren Schultern, als hätte sie sich nicht einmal die Mühe gemacht, in den Spiegel zu schauen, bevor sie Leo zu sich beordert hat.
Selbst wenn sie etwas planen, werden sie nie in der Lage sein, uns anzugreifen.‹ Das Mädchen dreht sich immer wieder zu dem Schauspiel hinter ihr um, wo die Sonne inzwischen über den Horizont geklettert ist und kühl schimmert. In wenigen Minuten wird die künstliche Atmosphäre das weiße Licht filtern und ihm eine erdähnlich warme Färbung verleihen. ›Sie wollten fliehen, als wir sie angegriffen haben. Ich denke nicht, dass sie irgendwelche Waffen haben, mit denen sie uns auch nur im Entferntesten schädigen könnten. Außerdem …‹ Leo stockt mitten in ihrem Gedankengang, bevor ihr Blick zum noch im Schatten liegenden Gesicht ihrer Mutter hinüber gleitet. So oft weiß sie nicht, was sie sagen, wie sie formulieren soll, wenn diese Stille in ihrem Geist herrscht. Wenn nicht das Wesen der Bäume ihr zuflüstert, wie sie sich verhalten soll.
Außerdem was?‹
Außerdem‹, setzt das Mädchen vorsichtig an, ›gehe ich noch immer davon aus, dass du diese Menschen dort unten mehr hasst als sie dich.‹
Ich habe auch größeren Grund dazu!‹
Leo hebt beschwichtigend die Hände. Sie hasst es, wenn Menschen so unvorhergesehen aus ihrer Haut fahren. Aber noch mehr hasst sie unnötige Streits, deswegen rudert sie zurück.
Ja. Ja, das mag durchaus sein, aber … ich denke nicht, dass du deine persönliche Meinung … so sehr …‹
Schon gut, schon gut.‹ Theia schüttelt den Kopf, streicht ihren Mantel glatt und nimmt wieder eine entspanntere Haltung ein. ›Ich … ja, du hast recht. Du hast recht. Deswegen bist du ja hier.‹
Ja.‹
Weil du die Einzige bist, die mir das ins Gesicht sagen würde.‹
Ich weiß, Mutter.‹ Sie schluckt angestrengt und wiegt ihren Kopf vorsichtig hin und her. ›Und wir können wirklich nichts unternehmen, um diesen Schutzwall zu durchbrechen? Denn abgesehen davon, Logyyn zu kontaktieren, ist das das Einzige, das mir einfällt.‹
Wir haben es schon mit Logyyn versucht. Wie immer keine Reaktion.‹ Ihre Enttäuschung über diesen Umstand ist nur allzu deutlich aus ihrem Gesicht abzulesen. ›Und bei dem Schutzwall, den der Kernstaub erreicht hat: Bisher konnten wir ja nicht einmal ermitteln, woraus er besteht. Keine Ahnung, wie sie das angestellt hat.‹
Unweigerlich tritt ein Lächeln auf Leos Lippen, auch wenn wenig Schadenfreude in ihren Gedanken liegt. Eher Faszination über den Umstand, dass ihre Mutter, die große Präsidentin der gesamten oberen Welt, plötzlich nicht mehr weiter weiß.
Du hättest deine heilige Kontaktperson dort unten nicht hintergehen sollen. Dann sähe es jetzt vielleicht ganz anders aus.‹
Ja. Vermutlich.‹
Jetzt hast du niemanden mehr unten, der dich mit Informationen versorgen kann.‹
Leo.‹ Theia atmet bemüht ein und aus und erst jetzt dreht ihre Adoptivtochter abermals den Kopf, um sie anzuschauen. ›Ich habe dich nicht hergeholt, um mir Vorwürfe anzuhören. Ich weiß, was ich getan habe.‹
Und bereust du es?‹ Die Frage überrascht Leo selbst, hat sie sich doch ganz unerwartet – nur einer kurzen Eingebung folgend – von ihren Lippen geschlichen. Doch kann sie nicht leugnen, dass es sie interessiert, was in Theias Kopf vor sich geht. Sie kann nicht leugnen, dass sie nur schwerlich einschätzen kann, was ihre Mutter wohl denkt.
Ob ich es bereue, die Erdenmenschen angegriffen zu haben?‹, hakt sie nach, woraufhin Leo bestätigend nickt. Und der Gesichtsausdruck der Präsidentin wandelt sich innerhalb weniger Momente von einem verlorenen Blick zu einem entschlossenen, bestimmten Stirnrunzeln. ›Nein. Nein, nicht im Geringsten. Wenn sie es geschafft hätten, die Erde wieder … zu heilen, wie sie es nennen, dann … Ja, dann wäre ich vielleicht bereit gewesen, ihnen zu vergeben, was damals geschehen ist.‹ Sie räuspert sich vernehmlich, dann richtet sie sich in einer ruckartigen Bewegung auf, um wieder ziellos durch den Raum zu streifen. ›Aber sie können nichts. Nur zerstören. Jeder von diesen dummen Menschen, die damals zu PandRa gehört haben, und jeder, der sich entschlossen hat, sich ihnen anzuschließen. Sie haben alles Leid der Welt mehr als verdient.‹
Leo widersteht dem Drang, die Stirn zu kräuseln, als würde ihr das dabei helfen, eine angemessenere Reaktion auf diese Worte zu finden. Sie kennt Theia erst seit den siebzehn Jahren, in denen sie lebt – was in Angesicht der Zeit, seit der die derzeitige Bevölkerung schon auf der Erde weilt, einem Wimpernschlag gleichkommt. Leo ist mit dem Wissen darum aufgewachsen, dass das große Zerwürfnis aus Zeiten des Vierten Weltkrieges bereits seit mehr als zweihundert Jahren an den Nerven ihrer Adoptivmutter nagt. Und sie ist sich durchaus im Klaren darüber, dass die Zeit die Wunden in ihrem Fall nicht heilt; im Gegenteil, sie hatte den rissigen Spalt zwischen der Präsidentin und den Erdenmenschen nur noch brüchiger werden lassen, bis aus ihm eine Kluft entstand, die nun unüberwindbar scheint. Was also in aller Welt kann sie unternehmen, um diesen Umstand zu verändern?
Ich fasse also zusammen‹, beginnt sie deswegen so distanziert wie möglich. ›Du hast Angst davor, was die da unten planen; vor allem mit der Kernstaub-Mädchen. Aber du bist gleichzeitig noch immer zu sauer auf PandRa, um mit ihnen in normalen, sittlichen Kontakt zu treten. Sehe ich das richtig?‹
Theia grummelt leise, was Leo als ein eindeutiges ›Ja‹ interpretiert.
Und es gibt in deinen Augen keinen Weg, deinen … Hass oder was weiß ich … zu überwinden und Kontakt aufzunehmen?‹
Ich habe in zweihundert Jahren nur einmal Kontakt aufgenommen‹, murmelt ihr Gegenüber. ›Und dann habe ich mit einer Waffe auf sie gefeuert, die ich von jemandem aus ihren eigenen Reihen habe konstruieren lassen. Was denkst du, was die sagen, wenn ich mal nachfrage, was sie so treiben?‹
Ich denke‹, antwortet Leo langsam, um ihren Worten Klarheit zu verleihen, ›noch immer – wie vorhin schon einmal gesagt – dass du sie mehr hasst als sie dich.‹
Und ich wiederhole meine Antwort: Daran besteht kein Zweifel‹, murrt Theia und stemmt die Hände in die Hüften. ›Worauf willst du hinaus?‹
Ich will nur wissen, ob du … eventuell einräumst, dass das Problem vor allem darin besteht, dass du deine politischen Schachzüge vollkommen von deinen Emotionen abhängig machst.‹
Das mache ich schon immer so und bisher hat das uns sehr weit gebracht!‹ Die Präsidentin springt in einer ruckartigen Bewegung von ihrem Sitzpolster auf.
Du musst nicht ungehalten werden.‹ Leo holt tief Luft, um ihre eigene Laune in den Griff zu bekommen; ihren Unwillen, dieses Gespräch auch nur noch eine weitere Minute fortzuführen.
Tut mir leid, ich … Ich …‹ Und offenbar wieder verunsichert, fährt sich Theia durch das lange Haar, hält sich den Kopf und schließt die Augen, bis ihr Atem sich wieder verlangsamt. ›Du weißt, dass ich deine Meinung über alles andere schätze, Leo‹, beginnt sie von Neuem, leise. ›Ich weiß auch, dass du nicht sonderlich gern mit mir redest. Aber ich bin mir im Klaren darüber, dass ich deiner Einschätzung mehr trauen kann als jeder anderen.‹ Sie schluckt und nickt vor sich hin, als wolle sie ihren Gedankengang noch einmal vor sich selbst absegnen. ›Du weißt, was meine Gründe und Motivationen sind. Du lebst noch nicht halb so lange wie ich und alle anderen in dieser Welt und hast deswegen einen unvoreingenommenen Standpunkt. Gleichzeitig bist du weiser und besonnener als viele der anderen Menschen hier. Was … was also denkst du, soll ich tun? Ganz ehrlich.‹ Ihr Blick wird weich, während sie spricht. Nun steht Theia fast energielos im Raum, verlassen und klein. Das passt nicht mit einer Faser zu der Aura, die sie sonst umgibt, denkt Leo. Nicht im Geringsten.
Lass mich … darüber nachdenken, ja?‹, bittet sie nach einigen Momenten und schaut von dem flachen Tisch vor ihr wieder zu Theia auf. ›Morgen liefere ich dir deine Antwort. Oder zumindest … meine Einschätzung.‹
Theias lautloses Seufzen entgeht ihr nicht. Trotzdem erhebt sie sich, um deutlich zu machen, dass dies in ihren Augen das Ende des Gespräches ist – und ihre Mutter akzeptiert es mit einem sachten Lächeln.
Gut. Gut, dann morgen.‹

Die Stadt ist erwacht, als Leo sich auf dem großen Platz im Zentrum wiederfindet. Hinter vorgehaltener Hand gähnt sie herzhaft, kann sich nicht mehr daran erinnern, in den letzten Wochen auch nur einmal so früh aufgestanden zu sein; weswegen es sie nun umso mehr verwundert, dass bereits so reges Treiben in den Gassen und Straßen herrscht.
Auch hier ist die Sonne schon aufgegangen – wenn auch nur in Form der warmen Kunstlichtstrahler, die sich an der weit über ihnen liegenden Decke und einigen Wänden der Häuser befinden. Leo nimmt die indirekten Quellen der frühlingshaft morgendlichen Beleuchtung nur noch selten bewusst wahr; so wie jetzt, während sie die Arme dehnend streckt und die frische Luft tief in die Lungen saugt. Vermutlich würden sie ihr überhaupt nicht auffallen, wenn nicht die Bäume so oft über sie murmeln würden. Über die Lichter hier unten und darüber, wie sehr sie sich nach den Strahlen der echten Sonne sehnen. Nach den Geschichten, die ihr Schimmer erzählt, und den Liedern, den er singt.
Zwei vorübereilende Kinder grüßen Leo, bevor sie auf der Wiese und hinter Häuserecken verschwinden. Noch während das Mädchen ihnen hinterherschaut, klingelt sie ein lachender Fahrradfahrer aus dem Weg, sodass sie etwas ziellos hinunter von der glatt gepflasterten Straße taumelt. Geschäftige Rufe erfüllen die Luft. Unter der großen Eiche in der Mitte des von der künstlichen Morgensonne beschienen Platzes öffnet gerade Orion, der Besitzer des kleinen Restaurants, seine Türen für Gäste. Vogelgezwitscher dringt von den Zweigen herab und die dunkle Stimme des Baumes lockt Leo auf die Wiese, wo sie barfuß durch das taufrische Gras streift. Es ist warm in der Tempelstadt, egal, wohin man kommt.
Nach ihrem frühen Erwachen und dem Beobachten des Sonnenaufgangs vor den Fenstern wirkt heute alles etwas magischer, etwas romantischer als sonst. Das schattenspendende Blätterdach der Eiche, dem die Brise ein vorsichtiges Flüstern entlockt, raschelt etwas lebhafter, das Licht dringt etwas freundlicher durch das Grün und benetzt das Gras. Das Lachen der Kinder, die zwischen den pastellfarbenen Fassaden der Häuser umhertollen, verirrt zwischen kilometerhohen Gebäuden. Von ihren Dächern aus schlingen sich die Wurzeln der alten Bäume um die Außenwände, als würden sie ihnen Halt geben und gleichzeitig von ihnen zehren wollen. Bis zum Boden hat der Tanz aus Fassaden und Rinde inzwischen geführt. Einige der Häuser sind so dicht umschlossen von dem Gehölz, dass es scheint, als wären sie selbst zu Bäumen geworden.
Leo streift einen der tiefhängenden Zweige der Eiche, als sie vorübergeht, um sich an einen der kleinen Holztische zu setzen, die vor dem Lokal auf Gäste warten. Sie ist so müde, dass sie die Augen schließt, den Kopf in die Hände stützt und darüber nachdenkt, noch einmal in ihre Wohnung zu gehen, um etwas Schlaf nachzuholen. Doch noch bevor sie weiter über diesen verlockenden Gedanken nachsinnen kann, vernimmt sie Schritte, und der Baum, dessen Schatten den kleinen Platz umhüllt, flüstert ihr, dass Orion sich nähert.
Guten Morgen, Lelou‹, grüßt er sie, als sie es noch nicht einmal geschafft hat, ihre schweren Lider wieder zu heben. ›Schön, dich hier so früh zu treffen!‹ Sie öffnet gerade die Augen, als der ältere Mann mit dem dunklen Bart sich ihr gegenüber niederlässt. ›Wie geht's deiner Mutter?‹
Den Umständen entsprechend.‹ Wahrscheinlich war es ein Fehler, diesen Platz zu wählen, denn nun kann sie sich der ungewollten Konversation nur noch schwerlich entziehen. Sich mit Menschen zu unterhalten ist so unendlich mühselig.
Ja, verständlich. Ist denn schon klar, welchen Schritt sie als nächstes plant?‹
Leo meidet den Blickkontakt, während sie wortlos den Kopf schüttelt. Stattdessen fährt sie gespielt interessiert die verschlungene Maserung des Tisches nach.
Ja, da gibt es noch Einiges zu überlegen, hm?‹ Orions Stimmlage signalisiert, dass er recht genau zu wissen scheint, dass Leo nicht das geringste Interesse an der Fortsetzung dieses Gespräches hegt. ›Auf jeden Fall, ähm ... Kann ich dir was zum Essen bringen?‹ Und schon macht er wieder Anstalten, sich zu erheben, was das Mädchen mit stiller Freude begrüßt.
Ja, das wäre lieb‹, antwortet sie rasch. ›Ein einfaches Frühstück, bitte.‹
Gern.‹ Sein Tonfall ist auf einmal distanziert und recht geschäftig. Leo vermutet, dass er sie nun für ihr Desinteresse an dem Gespräch strafen will, aber das lässt sie kalt. Orion kennt sie schon lange genug, um zu wissen, dass sie kein großes Interesse an Menschen hat.
Der bullige Mann hat sich gerade von ihr abgewendet, als ein Flackern ihr Sichtfeld für einen kurzen Moment trübt – und noch bevor sie sich fragen kann, was wohl geschehen ist, fällt das Licht aus und sie findet sich in kompletter Dunkelheit wieder.
Verflucht, nicht schon wieder!‹, grummelt der Gastwirt aus einigen Metern Entfernung, als auch aus allen anderen Richtungen Stimmen und Flüche laut werden. Als könnte es ihr ihre Sehkraft in dieser vollkommenen Dunkelheit wiedergeben, blinzelt Leo einige Male, aber die Schwärze, die das Licht hinterlassen hat, ist vollkommen.
Diese verdammten Ausfälle ruinieren das ganze Essen!‹ Leo hört nur, wie Orion sich grummelnd und zeternd weiter auf den Eingang des Lokals zutastet, während sie selbst ruhig am Tisch sitzen bliebt, um die Rückkehr der Energie abzuwarten, denn für gewöhnlich dauern die Unterbrechungen nur wenige Minuten an.

Von der tiefsten Wurzel bis hin zum höchsten Blatt tragen Bäume das Wissen der Welt. Die konservierten Seelen in ihnen schlafen, aber das Bewusstsein ist wach. Dieses endlose Wesen aller Existenz, das aus ihren stillen Hüllen spricht. Dieses Wesen, das sich ganz anders anfühlt als der Kern und alles andere im System, und doch ein unbestreitbarer Teil davon ist – ein unbestreitbar mächtiger und weiser Teil.
Die Welt der Bäume ist wie eine autarke Landschaft der Magie, voll von Wissen und Wundern, von Märchen und Zauber. Nur hier findet Leo jene Ruhe, in der sie die Endlosigkeit der Gedanken ausschöpfen kann.
Die Phi-Zentren – die Städte der Thermosphäre – sind halbkugelförmig. Während sich im runden unteren Teil die Besiedlungsgebiete befinden, die bis zu 40.000 Menschen beherbergen können, befinden sich an der Oberfläche weitflächige Landschaften, die je nach Temperierung des Zentrums verschiedenen klimatischen Gebieten der Erde entsprechen: Wüsten oder Polarregionen, Wäldern oder endlosen Wiesenflächen und allem, was dazwischen liegt. So beherbergt diese Stadt einen dichten Urwald, der eine nahezu unerschöpfliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren birgt.
Die künstliche Atmosphäre fängt tagsüber blendend das kühle Licht ein, das sonst nahezu ungefiltert durch das All auf sie herabschimmert. Sie wandelt es in einen warmen Schein, wie man ihn von der Erde aus kennt, hat sich Leo sagen lassen. Sie selbst war nie auf der Erde; oder zumindest kann sie sich nicht mehr daran erinnern.
Der blaue Himmel ist durch das dichte Blätterdach über ihr nur selten zu sehen. Die Bäume hier an der Oberfläche ragen so weit in den Himmel hinein, dass man einige ihrer Kronen nur erkennen kann, wenn man seinen Kopf weit in den Nacken legt. Während von den tiefer liegenden Blättern und Gewächsen noch die Tropfen des letzten Sommerregens perlen, riecht der warme Boden nach Erde und Humus. So graben sich die Zehen bei jedem Schritt tief in die weiche Mischung aus lockerer Erde und verschiedenen Moosarten hinein.
Leo liebt das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur, wenn sich die Gerüche des Waldes mit dem Summen der Insekten und dem Flüstern der Tiere vereinen.
Der heutige Ausfall der Energie dauert länger an als sonst. Als Leo die Stadt über die große Wendeltreppe hinauf verließ, herrschte bereits seit zwei Stunden vollkommene Finsternis. Inzwischen ist die Sonne vollends aufgegangen und schimmert in sanften Fäden durch die wenigen Lücken im Blätterdach. Die künstliche Atmosphäre wird bei sämtlichen Energieausfällen weiterhin instandgehalten, aber ihre Mutter hat Leo schon oft erklärt, dass dieser Zustand nicht ewig zu erhalten ist. Dass das Cron, das sie auf dem Jupitermond abbauen, knapp wird und den enormen Energieverbrauch der Blauphasen-Verschiebung nicht mehr decken kann. Tatsächlich waren sie schon kurz vor dem Absturz, bevor die Ausbreitung des unsichtbaren Netzes um die Welt initiiert wurde, mit dem aus der Bewegung sterbender Seelen Energie gewonnen werden kann. Wenn bisher auch noch nicht genug.
Warum kannst du die schweren Gedanken nicht einfach fallen lassen?
Ja, warum kann sie nicht? Sie besucht die Bäume, um Ruhe und Gelassenheit zu finden, nicht, um sie mit ihren Sorgen zu belasten.
Du solltest dich zurücklehnen und ausruhen.
Ja, das sollte sie. Sie sollte die Augen schließen, Schlaf nachholen und später über die Probleme nachdenken, die man ihr aufgelastet hat.
Wer bist du schon, die Probleme deiner Welt zu lösen?
Wer ist sie schon? Irgendein Experiment der unteren Welt. Irgendein künstliches Ding, halb Mensch, halb ... wie auch immer sie es nennen. Eine Anomalie. Wie Logyyn. Wie nur wenige andere. Und trotzdem ist sie niemand, der die Probleme dieser Welt beseitigen könnte. Dieser Welt, die so viel älter ist als sie selbst.
Die Bäume flüstern zustimmend. Und noch bevor Leo es bemerkt, ist sie von dem schmalen Pfad abgekommen und findet sich mitten im Unterholz wieder, wo Wurzel auf Wurzel trifft und all das Leben sich zu dichten Knäulen aus Gewächsen, Erde und Holz vermengt. Ihre Finger streifen Rinden verschiedener Beschaffenheit – weich und knorrig, robust und glatt, rissig und alt. Sie alle fühlen sich anders an. Sie alle empfinden anders und doch haben die Bäume etwas, das den Menschen fehlt: eine gemeinsame Stimme. Ein kollektives Bewusstsein, das zu ihr spricht.
Erzählt mir etwas‹, bittet sie leise. Sie liebt die Geschichten der Welt, die sie nie kennengelernt hat. Der Welt vor den Phi-Zentren und vor den Kriegen.
Doch heute berichten die Bäume über anderes.
Lass uns dir vom Kernstaub erzählen.
Und Leo hält inne.
Darüber habt ihr sonst geschwiegen.‹ Wie ein Geheimnis haben sie bisher alles gehütet, das mit diesem mysteriösen Wesen in Zusammenhang steht. Nur wenige Einzelheiten sind Leo deswegen über den Kernstaub bekannt.
Du wirst das Wissen um sie und ihre Reise bald benötigen. Je nachdem zumindest, wie du dich entscheidest.
Warum sind sie nun so bereitwillig, darüber zu sprechen? Denn bisher war es Leo erschienen, als hüte das Wesen der Bäume das Wissen um den Kernstaub wie ein Relikt. Wie ein Liebender, der nie über seine Angebetete spricht, aus Angst, sie durch das Teilen seiner Gefühle zu verlieren.

Dann sprecht‹, flüstert sie andächtig und lässt sich dort nieder, wo sie sich befindet. Zwischen breiten, knorrigen Wurzeln, im weichen Moos.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 

Lernt mich kennen

Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

Erinnerungen

Die Bücher

Aufrufe

Instagram

Follower