Weltasche 1 - Kapitel 1 - In dem sie erwacht

  

K A P I T E L 1
In dem sie erwacht

Eventuell könnten wir im Laufe der Zeit an einen Ort gelangt sein, der uns zerbrochen hat.


241 N.TH. – 2639 N.CHR. – 13. UMBRUCH
21. & 22. JANUAR

D
ahinschwebend im lichtleeren Raum kann nichts mehr an unseren Körpern kratzen, das von Bedeutung ist. Wenn Fleisch und Sinne sich zu einem wirren Knäuel formen, das wir Leben nennen, verschwommen zwischen all den Himmelskörpern, die wie gesprenkelte Tupfer auf einer schwarzen Wand den Kosmos bilden. Zwischen ihnen finden wir die bunten Glasscherben, die einmal unser Leben waren. Zwischen ihnen finde ich Erkenntnis und die Weite nicht ausgeschöpfter Gedanken.
Ich denke, es muss eine Ewigkeit vergangen sein, seitdem ich mich das letzte Mal auf die Liege gebettet, mich in die warmen Decken gehüllt und auf den Morgen gewartet habe. Und als ich meine müden Glieder aus diesem Schlaf ziehe, mich erhebe, um die frische Luft des neuen Tages in meine alten Lungen zu saugen, sehe ich das All und die Sterne vor dem Fenster meiner Kabine schimmern.



»Drei Jahre«, hat mir mein Abbild im Spiegel zugeflüstert und ich habe meiner eigenen Stimme nicht geglaubt. Weder älter noch jünger, weder größer noch kleiner sehe ich aus, seitdem ich mich das letzte Mal betrachtet – mich das letzte Mal gespürt habe. Noch immer die feuerroten Locken, die sich lang um meine dünnen Schultern kringeln, noch immer die dunklen Ringe unter den eisblauen Augen, die die Last der Entscheidung in mein Gesicht gezeichnet hat. Und trotzdem sind drei Jahre vergangen, in denen sich für mich nichts verändert hat.
Wie alt bin ich? Zählen die Jahre im künstlichen Schlaf zu meinen wirklichen Lebensjahren oder bin ich noch genauso alt wie zu dem Zeitpunkt, an dem ich einschlief? Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich es wissen müsste, dass man mir all das beigebracht hat, aber vieles, das einmal war, liegt nun im düsteren Schatten des Vergessens. Er ist das Einzige, das mich tatsächlich spüren lässt, wie viel Zeit seit meinem letzten Wachsein vergangen ist.
Es hat vermutlich weitere drei Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, mich einzukleiden. Der raue Stoff schmiegt sich fast unangenehm dicht an diese Haut, die so lange nichts mehr fühlen, nichts mehr spüren konnte, das wirklich ist, und doch mag ich das weiche Material, das mich so perfekt temperiert kleidet. Ich habe mir die dunkle Jacke aus meiner alten Heimat übergezogen, die im Gegensatz zu der engen Hose viel zu groß ist und nur locker über meinen Armen hängt, sodass ich sie immer wieder hinaufschieben muss.
Und so taste ich mich fast blind durch die viel zu hellen Gänge des Schiffs und versuche jede Struktur, jede Kerbe in der Wand in mich aufzunehmen, zu verinnerlichen, als könnte ich so die Leere füllen, die die traumlose Zeit im Nichts mir gebracht hat.
Ich möchte sehen können.
Zurückgespult endet mein Tag bei meinem Erwachen. Bei warmem Licht, das meinen fast wohnzimmerartigen Raum erfüllt. Bei der herzlichen Stimme aus den Wänden, die mir einen guten Morgen wünscht und mich darüber informiert, dass jemand kommen würde, um mich abzuholen. Beim Auf-dem-Bett-Sitzen und Warten. Bei der Einsicht, dass niemand kommen wird, bis ich mich mühevoll erhebe und über den geheizten Boden in das schwarz-weiße Badezimmer schlurfe.
Vor den Fenstern des Springers sehe ich nur die Dunkelheit des Alls und das Schimmern entfernter Sonnen, und doch fühle ich mich nicht unsicher oder einsam. Gleichgültigkeit scheint sich mit dem Schlafmittel auf meine Sinne gelegt zu haben und nur langsam aus ihnen zu weichen.
Letzter Sprung in fünf Minuten.
Zurückgespult enden meine Gedanken genau hier, wo Kontraste alles benetzen. Die stechend rote Farbe meiner Kleidung lenkt meine Aufmerksamkeit immer wieder ungewollt auf sich, bis meine Finger wieder neue Oberflächen an den Wänden des halbrunden, hohen Korridors ertasten und ich mich ihnen zuwende. Weiße und bläuliche Lampen mischen ihren indirekten Schein zu kaltem Licht, das den Weg meiner leisen Schritte durch den nahezu sterilen Gang erhellt, bis ich das verdunkelte Türfeld am Ende durchschreite und in eine schattenbefleckte Schummrigkeit trete. Eine dunkle Stimme und ein wenig Licht dringen aus einer Tür am Ende eines nur behelfsmäßig angelegten Gerüsts, das eine wackelig wirkende Brücke über einen tieferen Abgrund zu bilden scheint. Dieser Korridor ist anders als die der gewöhnlichen Verbindungen, und ich nehme an, dass ich mich verlaufen habe. Aber die Faszination für alles um mich herum ist zu groß, als dass ich mich auch nur kurz darüber ärgern könnte. Es wird sich schon ein Weg finden.
Letzter Sprung in einer Minute.
Die bekannte Frauenstimme ertönt abermals aus allen Richtungen und mein Herz macht einen Hüpfer, weil ich nun weiß, dass wir wirklich so nah am Ziel unserer Reise sind. So nah an der neuen Welt.
Ein lautes Knacken ist hinter mir zu hören, als mein Blick über die offen liegenden und nur leidlich befestigten Kabel und Verbindungen an den Wänden schweift.
Struktur. Ich glaube, dass ich Struktur, Worte und Gesichter brauche, um diese Leere zu füllen.
Letzter Sprung in dreißig Sekunden.
Ich trete mit meinen dünnen Sohlen auf die schmale Brücke, die mich zu der Tür führt, und liebe das Gefühl, das durch meine Füße kribbelt, als sie die kleinen Erhebungen im Metall spüren.
Letzter Sprung in zwanzig Sekunden.
Es dauert einige Momente, bis ich meinen Blick von den Untiefen unter mir abgewandt habe, die mitten in das Herz des Springers führen. Irgendwo in der Ferne höre ich das regelmäßige Klicken und Gurgeln der Cogg-Reaktoren, das ich schon immer als so eigenartig organisch empfunden habe. Mein Atem geht ungewöhnlich langsam.
Letzter Sprung in zehn Sekunden.
Neun.
Acht.
»Hey!« Ich sehe von meinen Händen auf, als ein Schatten das aus der Tür fallende Licht verdeckt und ein Mann sich in Windeseile aus dem Raum schält, um auf mich zugelaufen zu kommen. »Scheiße, was machst du hier?«
Fünf.
Vier.
Er packt mich grob am Arm und zerrt mich mit sich auf das Licht zu, in den Raum, während die liebliche Stimme ruhig den Countdown weiter abzählt.
Zwei.
Eins.
Und er stößt mich mit einer solchen Wucht in das Zimmer, dass ich mich hart an dem Tisch in der Mitte stoße, zurücktaumle und fast falle, als alles beginnt, an mir zu zerren – und ich auseinanderreiße.

Ich denke, dass mir mein Kiefer aus dem Kopf gefallen sein muss, zusammen mit meiner Zunge, meinen Augen und allem anderen, denn ich spüre nichts mehr, sehe nichts mehr, kann mich nicht mehr bewegen, den Mund nicht öffnen, um zu schreien.
Als das Bild sich ordnet, sind dort meine vor das Gesicht geschlagenen Hände, zitternde Finger und die sichere Hand des Fremden, der sie wieder herunterzieht. Alles ist eigenartig verschwommen, als trüge jedes Ding einen Schleier aus bunten Scherben und Staub, der sich darüberlegt. Mein Blick flimmert, mein Gegenüber versucht, ihn einzufangen, aber ich bringe nur ein Stöhnen über meine Lippen, schüttle Mal für Mal den Kopf, um alles irgendwie wieder an die richtige Stelle zu bringen. Worin habe ich mich hier nur verloren? Für einen langen Moment bin ich mir nicht einmal mehr sicher, wer ich bin und wo ich mich befinde, versuche mich zu beruhigen, zu schlucken, um alles wieder zu ordnen, aber es herrscht zu großes Chaos in meinen Gedanken.
Und das Zittern. Das Zittern hört nicht auf.
»Was war das?«, wispere ich und sehe mich in dem karg eingerichteten Raum um, der bis auf ein paar Nahrungszellen, die die ganze linke Wand ausfüllen, nichts beherbergt. Die Front gegenüber der Tür bietet einen weitflächig offenen Blick auf das All und noch während ich mich darüber wundere, wie unglaublich fremd meine helle Stimme in meinen eigenen Ohren klingt, hat mein Blick sich nach dort draußen verirrt, wo er nicht viel sieht. Wo ist die Erde? Sollte sie nicht hier sein, nach dem angeblichen letzten Sprung? »Wo sind wir?«
»Gleich da. Unser Ziel liegt auf der anderen Seite des Schiffs.«
»Und was war das gerade?«
»Nun, meine Liebe«, setzt der Mann an und sucht meinen Blick abermals mit seinen türkisfarbenen Augen, in denen sowohl Besorgnis als auch Vorwurf gefangen sind. »Das passiert, wenn man sich während des Sprungs nicht innerhalb eines gesicherten Bereiches befindet. Ich konnte das Türfeld nicht mehr rechtzeitig verriegeln.«
»Oh.« Ich weiß nicht wirklich, was ich mit diesen Informationen anfangen soll.
»Was hast du überhaupt da draußen getrieben?«
Ich bin dankbar, als er seine Hand auf meinen Rücken legt und mich vorsichtig zu einer der farbenfrohen Schwebeschalen schiebt, in die ich mich gleiten lasse. Das Licht innerhalb des Raumes ist gedimmt und sammelt sich nur in einigen Ecken, wo es nicht blenden kann.
»Ich bin aufgewacht«, erkläre ich, während ich den Fremden aufmerksam dabei beobachte, wie er mit wenigen Schritten durch den für Crewmitglieder angelegten Pausenraum zu einer der Pilou-Zellen geht, um uns anscheinend heiße Getränke zu generieren. Er hat mir den Rücken zugewandt, deswegen kann ich es nicht genau erkennen. Die schwarze Uniform mit den weiß-leuchtenden Säumen, die er trägt, deutet auf einen sehr hohen Rang hin.
»Man hat mir gesagt, es würde jemand kommen, um mich abzuholen. Aber es kam niemand.«
»Vielleicht wegen des Sprungs. Dann scheint dein Aufwachsystem nicht richtig programmiert gewesen zu sein, darüber hätte es dich nämlich informieren müssen. Das solltest du beim Auschecken unbedingt einem Crewmitglied melden.«
»Hm«, mache ich mangels der Worte, die ich noch sagen könnte, und betrachte stattdessen interessiert, wie er mit den beiden hohen Bechern wiederkehrt und mir einen davon in die Hand drückt, der eine angenehme Wärme ausstrahlt.
»Und du gehörst zum Team?«, frage ich, weil die Stille, als er sich neben mich setzt, so unangenehm und drückend wird.
»Genau. Normalerweise treibe ich mich aber nicht hier hinten herum, du hast also Glück, dass du mich getroffen hast.« Und plötzlich grinst er so breit und vielsagend, dass es mich irritiert.
»Aha?«, mache ich unsicher, starre nur in meine Tasse, ohne etwas zu trinken, sein amüsiertes Lachen in meinen Ohren.
»Und mit wem habe ich die Ehre?«, möchte er dann wissen. Ich muss tatsächlich kurz über meinen eigenen Namen nachdenken.
»Mara«, sage ich dann und schmunzle sogar über mich selbst.
»Und was suchst du auf der Erde, Mara?«, fragt er und betont meinen Namen eigenartig stark. »Behryu V soll doch ganz schön sein.«
»Ich will meine Erinnerungen an den Slot verkaufen«, erkläre ich und schaue wieder zu ihm hoch, erfreue mich fast unmerklich an seinem überraschten und anerkennenden Gesichtsausdruck.
»Ah, dann habe ich es also mit einer künftigen Milliardärin zu tun.«
»So ungefähr«, bestätige ich abwesend, noch immer verwirrt von einfach allem um mich herum; als hätte mein Gehirn in den letzten drei Jahren verlernt, Eindrücke richtig zu verarbeiten. »Und wer bist du?«
Er wendet sich beschwingt mit seiner Schale so zu mir um, dass wir uns gegenübersitzen, und reicht mir die Hand, die ich etwas konfus schüttle.
»Juniorkapitän Davenport«, stellt er sich förmlich vor. »Aber du kannst mich gern Juan nennen.«

6 Kommentare:

  1. Habe gerade den ganzen Ausschnitt gelesen, obwohl ich nur mal reinlesen wollte. Liest sich super. =) Sehr interessant.

    Liebe Grüße
    Katie

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  2. Boah, Marieeeeeeeeeeeeeee :P
    Meeeeeeeeeeeeeeeeeeehr :D
    Hammer <3
    Das macht so Lust auf mehr davon.

    Lieben Gruß, Yvonne

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  3. Liest sich sehr gut!;) Macht Lust auf mehr.
    Liebe Grüße
    Jenny

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  4. Liest sich sehr gut!;) Macht Lust auf mehr.
    Liebe Grüße
    Jenny

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Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

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