Die Welt zu fangen


Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob es eigentlich naiv ist, anzunehmen, man könnte die Welt einfangen und sie auf ein weißes Blatt bannen. Sie auf Papier mit Halterungen aus Tinte festzurren, sie in die Wirrungen der Signale meines Laptops bauen. Ich habe mich oft als Jäger empfunden. Als Wilderer, der dem Vogelschwarm des Lebens hinterherjagt, in der Hoffnung, ihn fangen und studieren zu können. In der Hoffnung, seine Welt und seine Existenz begreifen und festhalten zu können, wenn es mir nur gelänge, ihn festzuhalten.
Ich habe so lange versucht, die Welt zu fangen, bis ich das Gefühl hatte, immer weniger von ihr in meinen Fingern behalten zu können. Als würde sie wie Rauch immer und immer wieder durch meine geöffnete Hand gleiten. Als würde ich zwar das ein oder andere Mal einige Vögel fangen, jedoch nie genug, um das Verhalten des Schwarms zu verstehen. Wie aber - wie aber soll man schreiben, wenn man die Welt nicht versteht? Wie soll man ihr einen Spiegel in seinen Texten erbauen, wenn man nie genug von ihr gesehen hat, um sie in ihrer Vollkommenheit wirklich ausmachen zu können?
Kann ich mir anmaßen, etwas beschreiben zu wollen, das ich noch nie gesehen oder erlebt habe? Wer bin ich überhaupt, die Welt zu fangen? Dennoch: Wer wäre ich, wenn ich es nicht versuchte? Am Ende ist alles, wodurch ich mich definiere, das Bannen von Gefühlen, Bildern, Gedanken und allem, was es gibt. Am Ende habe ich hundert andere Dinge versucht und nichts konnte mich fesseln. Nichts konnte mich so fesseln, wie die Welt.

Und das ist, denke ich wiederum, der Punkt. Nicht ich fessele - ich bin gefesselt. Nicht ich fange - ich bin gefangen. Nicht ich banne - ich wurde gebannt. Von der Welt, dem Universum, den Gedanken und den Gefühlen. Ich bin nicht ihr Schöpfer und ich bin nicht ihr Richter. Was ich auch versuche, ich werde nie nur ansatzweise genug von ihr, ihren Lebewesen und ihren Vorgängen sehen, um wirklich ganz zu verstehen. Aber was spielt das auch für eine Rolle? Ich schreibe nicht mehr, um die Welt zu fangen. Ich schreibe, weil ich von der Welt gefangen wurde. Ich schreibe, weil ich lebe und erlebe. Weil alles, das es gibt, einen Stempel auf meine Seele drückt. Und weil es mich vervollkommnet, zumindest den Versuch zu unternehmen, ihn in Worten nachzuzeichnen. 

6 Kommentare:

  1. "Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob es eigentlich naiv ist, anzunehmen, man könnte die Welt einfangen und sie auf ein weißes Blatt bannen." Ich bin mir sicher, dass das naiv ist.
    Aber ich kann, wie du, auch nicht anders. Ich versuche, Dinge die mir selbst und die anderen passieren und die sie mir erzählen niederzuschreiben, in Geschichten zu zwängen in der extrem weltfremden Hoffnung, ihren Sinn zu erkennen oder ihnen einen zu geben, weil sie wahrscheinlich noch keinen haben...
    So ist das nunmal. ;)
    Du beschreibst das sehr poetisch und eindringlich, auch ein wenig philosophisch und ich kann das gut nachvollziehen.
    Ein bisschen Naivität brauch eben jeder. Bei vielen Schreibern habe ich das Gefühl, sie sind, was die meisten Dinge angeht, ZU abgeklärt, so dass sie das durch das Schreiben kompensieren müssen...
    Beim Schreiben bin ich manchmal auch wie hypnotisiert und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht und dann... Dann ist die Geschichte eben da. Die Worte sind da.

    Liebe Grüße

    P.S. Du hast neulich ein Schreibforum erwähnt, in dem du die Autoren aus der Reihe "Autorenfreunde" kennengelernt hast. Kannst du mir da (außer "Pooly's Schreibforum") eins empfehlen?

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    1. Hey du Liebe! Mensch, vielen Dank für deinen Kommentar und deine lieben Worte. Wir haben ja wirklich schon lange nicht mehr geschrieben. Ich hoffe, es geht dir gut :) Es freut mich, dass du die Gedanken und Emotionen hier verstehen und nachempfinden kannst. Ich kann im Grunde auch alles, was du sagst, nur noch unterstreichen. Manchmal muss man eben naiv sein. Das befähigt einen oft als einziges, Grenzen zu überschreiten, an denen andere stehen bleiben.

      Liebe Grüße
      Marie

      PS: Leider war Pooly's Forum mit besagtem Forum gemeint. Ein anderes kann ich dir zurzeit leider auch nicht empfehlen, da es kein anderes gibt, auf dem ich mich zurzeit noch herumtreibe. Tut mir leid :/

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  2. Dann werd ich's vielleicht nochmal bei Pooly's probieren. ;) Letztes Mal hat mir wahrscheinlich einfach die Geduld gefehlt. ;) Wir sehen uns dann da. Und dein Buch lese ich auch gleich heute Abend weiter. Da hat mein Magenvirus doch noch was Gutes. :)
    Liebe Grüße

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    1. Uh, cool! Dann sehen wir uns dort hoffentlich, das finde ich gut! (Auch wenn ich jobbedingt zurzeit leider eher weniger dort online sein kann.)

      Und oh nein, gute Besserung, du Arme! Ich hoffe, dass es das Buch zumindest ein wenig schafft, dich aufzumuntern ♥

      Liebe Grüße
      Marie

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Lernt mich kennen

Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

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