Kurzgeschichte: Der Autor


DER AUTOR
Koba. Ich kann nicht schlafen, denn seit du nicht mehr da bist, ist das Haus so kalt wie meine Gedanken. Ich nenne das ein Paradoxon, denn als du noch am Leben warst, habe ich dir so oft Kaltherzigkeit unterstellt, dass ich glaubte, in deiner Nähe zu frösteln. Dabei muss es, wie ich nun erkenne, so gewesen sein, dass mir nur dann kalt wurde, wenn ich deine Nähe gerade wieder verließ – es muss so gewesen sein, dass es um dich herum so warm war, dass es mich plötzlich fror, wenn ich deine Zimmertür wieder hinter mir schloss.
Nun sitze ich an deinem Schreibtisch und kann nicht umhin, aus dem alten Fenster vor mir zu schauen und mich an deine Worte zu erinnern: „Du sieht nur solange, was du sehen möchtest, bis die Vergangenheit dich vollends einholt.“ So konnte ich früher, wenn ich aus dem Fenster deiner Kammer schaute, die Wiesen sehen. Wie jetzt nebelverhangen im frischen Morgen, taubenetzt und unberührt. Ich konnte den Wald in einiger Entfernung sehen, erahnen, wie die Sonne hinter den großen Tannen aufstieg, um einen neuen Herbstmorgen anzukündigen. Ich konnte den kleinen Bach sehen und die Brücke, über die wir als Kinder so oft getollt sind.
Nun sehe ich nur noch dich. Du, wie du deine Beine im Wasser baumeln lässt, du, wie du durch das kniehohe Gras streifst, du, wie du im Wald verschwindest, um dich ins Moos zu legen und zu träumen.
Wie recht du mit allem hattest, was du jemals gesagt hast, und wie sehr ich dich dafür gehasst habe. Wie sehr ich mich selbst für meine Abscheu hasse, denn ich sollte doch, mehr als jeder andere, am besten wissen, dass es jedem Menschen nicht genehm ist, immer und immer wieder nur die Wahrheit hören zu müssen. Und trotzdem konnte ich nicht umhin, dich zu verabscheuen. Trotzdem tue ich es jetzt manchmal noch immer, auch wenn ich mich dieses eine Mal an deinen Rat halten möchte. Dieses eine Mal, damit es mir danach vielleicht besser geht.
„Schreib deine Gedanken auf, wenn du sie ordnen möchtest“, hast du gesagt. „In geschriebener Form liegen sie dann so nackt und wahr vor dir, dass du ihnen nicht mehr entfliehen kannst. Gleichzeitig befreit es dich. Du wirst schon sehen.“
Also schreibe ich. Ich schreibe.
Was jedem Kind klar sein sollte, ist, dass man einen Anfang finden muss, möchte man eine Geschichte erzählen. Man beginnt mit „Es war einmal“ oder mit „Vor langer, langer Zeit an einem weit entfernten Ort“. Man beginnt mit „Mir ist einmal etwas passiert“ oder mit „Heute Morgen, als ich die Milch holen ging“. Wo jedoch soll ich beginnen? Ich erzähle kein Märchen und verfasse keinen Roman. Ich schreibe kein Tagebuch und keine Liebesgeschichte. Vielleicht sollte ich mit dir beginnen. Oder mit mir, denn im Grunde ist es dasselbe.
Dein Schreibtisch ist jetzt mein Schreibtisch, aber es ist nicht so, als würde er mir gehören. Es kleben so viele Erinnerungen an dem alten Holz, dass ich sie manchmal nicht fassen kann. Selbst die Maserung trägt so unverkennbar deine Spuren, dass ich dich vermutlich noch in hundert Jahren darin erkennen würde: die Ringe vom Abstellen der Kaffeetassen sind noch so deutlich zu erkennen, als hätte ich sie vor wenigen Minuten erst fortgeräumt. Die Stellen, an denen das Holz deutliche Kerben hat, erinnern mich daran, wie tief du deine Fingernägel in die Zwischenräume gedrückt hast, wenn du nervös warst. Unter diversen Blättern sieht man noch immer die blaue Farbe hervorschimmern, mit der du den guten Tisch ruiniert hast, als dein Kuli vor mehr als zwei Jahren ausgelaufen ist.
Selbst der Zigarettengeruch, der noch kalt und schwer in den ungewaschenen Vorgängen sitzt, erinnert an dich. Atme ich ihn ein, kann ich dich fast vor mir sehen: jung und voller Leben. Du sitzt über deine Schreibmaschine gebeugt, in Gedanken so tief in deinen Texten versunken, dass dich selbst ein Schrei nicht daraus befreien könnte; die Augen starr auf deine Worte gerichtet, die Zigarette im Mundwinkel, die Finger schmutzig von Tabak und Tinte.
Wie sehr habe ich dich dafür gehasst, wenn du mich - nur wegen der Welten, in die du dich flüchtetest – ignoriert hast, obwohl ich direkt neben dir stand. Und wie sehr habe ich dich dafür bewundert, dass du fliehen konntest; dass es dir im Gegensatz zu uns allen immer gelungen ist, die Wahrheit zu verdrängen, die uns alle um den Verstand brachte.
Koba. Es irritiert mich, wie leicht es mir fällt, deinen Namen zu schreiben, bin ich doch sonst kaum in der Lage, ihn zu denken, gar auszusprechen. Vielleicht wissen meine Finger mehr als ich. Vielleicht können sie akzeptieren, was ich noch zu leugnen versuche: Dass alles mit dir begonnen hat. Mit dir hat es begonnen und – ja, mit dir hat es auch geendet. Alles, denke ich manchmal. Manchmal denke ich, meine Welt ist nur wegen dir untergegangen.
Du warst wie der Blick aus einem Zugfenster bei Nacht. Dieses Gefühl, wenn du hinausschaust und in der Finsternis nach Lichtern suchst, an die du deine irrenden, haltlosen Augen heften kannst. Doch irgendwann bleibst du an deinem blassen Spiegelbild hängen und egal, was du tust, du kommst nicht wieder davon los. Dann fragst du dich, wer du bist und warum du tust, was du tust.
Ebenso warst du; so finster, dass man nichts erkennen konnte – nur sich selbst, wenn man dich lang genug angesehen hat. Dich anzusehen war wie in den Spiegel zu sehen. Das habe ich geliebt. Ich habe dich geliebt – das wusstest du immer, von Anfang an. Du hast es nie ausgesprochen, mich nie deswegen verachtet, obwohl du doch jeden Menschen für alles verachtet hast. 
Warum also? Ich schreibe, aber ich verstehe es nicht … noch immer nicht. Und ich habe das Gefühl, dass ich diese Geschichte vielleicht an ganz anderer Stelle ansetzen muss. Viel weiter in der Vergangenheit, irgendwo zwischen dir und dem, was dich antrieb, dem, was ich nie verstand.
„Du sieht nur solange, was du sehen möchtest, bis die Vergangenheit dich vollends einholt“, hast du einmal gesagt und nun spüre ich die Wahrheit deiner Worte in jeder Faser meines Körpers, so echt, als wärst du nicht der Überbringer der Botschaft, sondern Schöpfer ihrer Realität. „Die Vergangenheit holt dich immer ein“, hast du gesagt. „Wenn du zu lange vor ihr geflohen bist, vielleicht. Oder wenn du zu lange die Augen vor ihr verschlossen hast, in der Hoffnung, irgendwann würde sie einfach unsichtbar. Ich verrate dir etwas: Die Vergangenheit wird nie unsichtbar und sie lässt sich nicht abhängen, egal, wie schnell du zu rennen versuchst. Sie ist ein selbstsüchtiges Biest, das größer und wütender wird, je länger du es ignorierst. Und irgendwann, wenn du deine Augen einfach nicht öffnest, frisst es dich mit Haut und Haar.“

Nachtrag: Diese Kurzgeschichte ist inzwischen zum Prolog meines neuen Romans "Die Schöpfer der Wolken" geworden.

7 Kommentare:

  1. Auch, wenn ich es gestern bei Twitter geschrieben habe, hier noch einmal:
    Du hast wirklich eine tolle Art zu schreiben. Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen, weil ich gespannt war, was als nächstes dem Charakter in den Sinn kommen würde. Echt genial. Ich komme gerne vorbei und freue mich umso mehr, wenn du Texte von dir hier zeigst :)

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    1. Du bist wirklich lieb - bitte verzeih, dass meine Antwort erst so spät kommt. Vielen lieben Dank für deine Worte. Danke :)

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    2. Kein Problem, du hattest sicherlich viel zu tun :)
      Dein neues Theme gefällt mir übrigens sehr :)

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  2. wow, wirklich schön:))
    Überhaupt, toller Blog!
    Vielleicht hast du ja Lust mal bei mir vorbei zu schauen?:)
    Freue mich immer über neue Leser!
    lg♥
    http://living--dreams.blogspot.de/

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  3. Ich lese unheimlich gerne Blogs bei denen die Autoren auch tatsächlich schön schreiben können und das Foto dazu ist wahnsinnig schön ^^

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Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

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