Kurzgeschichte: Der Winter und das Licht


Ich schreibe wirklich nicht oft Kurzgeschichten. Und wenn ich sage "nicht oft", dann meine ich damit, dass ich bisher in meinem ganzen Leben vielleicht erst 10 davon verfasst habe. Doch da ich einmal wieder Lust dazu verspürt hatte, wollte ich mich nach langer, langer Zeit einmal diesem Genre widmen. Die folgende Geschichte entstand im Rahmen eines Wettbewerbs in einem Forum. Das vorgegebene Thema war "Eis".


DER WINTER UND DAS LICHT

Sie raucht zu viel. Das hatte er ihr schon damals gesagt, als sie noch gemeinsam zur Schule gegangen waren, auch wenn er den Anblick des zwischen ihren roten Lippen hervorquellenden Qualms schon immer faszinierend fand. Einige Menschen sagen auch, sie lacht zu viel, aber das stimmt seiner Meinung nach nicht. Seiner Meinung nach könnte sie nie genug lachen, denn so ist sie am schönsten. Für ihn ist sie wie der zurückkehrende Winter an einem Frühlingstag. Für ihn ist sie das warme Kaminfeuer nach einer langen Reise im Schnee.

Der Mann verdrängt ihr Bild, als das Grün der Ampel seine Gedanken erreicht und er das Gaspedal durchdrückt. Der Verkehr windet sich stockend und stotternd wie eine alte Schlange durch die Straßen. Vom lebendigen Pulsieren der Großstädte, das in allen Medien besungen wird, sieht er durch seine dreckige Windschutzscheibe nur wenig. Es ist viel zu warm, selbst für diese Jahreszeit, und seitdem die Klimaanlage in der Wohnung ausgefallen ist, gibt es vermutlich nichts, das diese Tage noch retten könnte. Gut, ein Ventilator vielleicht. Oder zwei.
Der Sommer ist ihm schon immer die am meisten verhasste Jahreszeit gewesen. Im Sommer wird der Mann zum Sklaven seines alternden Körpers und jedweder anderer Gebrechen.

Die nächste Ampel und auch er kommt wieder zum Stehen, versinkt in Frühlingsgedanken.

Sie trinkt zu viel. Das fanden zumindest seine Kameraden aus der Nachbarschaft, auch wenn er davon nie viel gesehen hat. Es gäbe wohl keine Party, die sie ausgelassen hätte, hieß es. Der Mann war noch nie für große Feiern und allzu große Menschenaufläufe zu haben, deswegen kann er bei dem Thema nicht mitreden. Heute geht es ihm noch immer so wie damals, auch wenn die Schulzeit bereits seit mehr als 50 Jahren vorbei ist. Sie tanzt zu viel, davon zumindest hatte er sich selbst überzeugen können, wenn er gemeinsam mit ihr erst spät in der Nacht von Bällen und Geburtstagen wieder heimgekehrt war. Bis die Schuhe zertanzt waren hatte sie sich in ihrem Kleid durch den Raum gewirbelt und nie aufgehört, bis ihre Füße von Blasen übersäht waren.
Sie tanzte. Doch nicht immer tanzte sie zu viel. Tanzte sie mit ihm, konnte es dem Mann nie genug sein.

Wieder dieses Grün auf der Ampel. Wieder umfassen seine runzligen Hände das Lenkrad, wieder setzt sich der Wagen ratternd in Bewegung. Die Nachmittagssonne neigt sich dem Horizont, spiegelt sich auf der Straße. Ihre Hitze erzeugt irritierendes Flimmern, das sich mit den Massen an Autos und Menschen zu einem wirren Strudel vermischt, der den Mann ganz wirr im Kopf macht. Der Winter ist ihm lieber. Der Frau war er nie recht. Sie läuft zu viel im Sommer, aber sie läuft nie im Winter. Auf Eis rutscht man aus, hatte sie immer gesagt. Auf Eis rutscht man aus.

Zu gegebener Zeit schaltet er das Blinklicht seines Fahrzeuges ein, gliedert sich aus dem Strom des Verkehrs aus und biegt in eine Nebengasse ein, in der sich nach einer Zeit ein beschauliches Haus an das andere reiht, in der Bäume den lang ersehnten Schatten spenden. Vor einem großen Park drosselt er die Geschwindigkeit, sucht einen Parkplatz, klettert aus dem Wagen und löst einen Parkschein am Automaten. Kinderlachen irrt zwischen den Bäumen umher, als er den sandigen Weg betritt und sich im Schatten der Buchen verliert. Es war die Grundschulzeit, zu der sie begonnen hatten, sich hier zu treffen, zu spielen und zu verstecken. Inzwischen liebt er es, den Kindern dabei zuzuschauen, wie sie dasselbe tun.

Vor der kleinen Eisdiele in der Mitte des Parks haben sie sich kennengelernt, auch wenn die Frau kein Eis mag. Ebenfalls vor der kleinen Eisdiele hat der Mann ihr vor 45 Jahren den Heiratsantrag gemacht. Sie liebt zu viel. Das hatten ihm immer alle gesagt, als wollten sie ihn davor warnen, sich mit ihr einzulassen. Sie liebt zu viel und sie lebt zu viel. Sie lebt zu schnell. Sie ist ein Sommermensch. Sie ist ein Lichtmensch. Das Licht lockt sie tagsüber aus ihrem Haus, das Licht lockt sie in nächtliche Bars und Abendveranstaltungen. Der Mann ist ein Wintermensch. Ein Schattenmensch. Der Schatten vor den Fenstern besänftigt seine ruhige Seele, der Schatten der Gassen treibt ihn zurück in sein Haus. Das Licht der Frau blendet ihn, denkt er manchmal.

Die Eisdiele steht noch immer. Sogar die Stühle und Tische stehen an derselben Stelle wie damals, als sie ihm bewies, dass sie tatsächlich zu viel liebte. Als sie ihm die Antwort gab, die er nicht hören wollte. Sie liebte, ja. Und sie liebte zu viel. Sie liebte das Leben, die Sonne, die Luft, die Tiere, die Kinder. Sie liebte alles, das man mit den Augen sehen und mit den Fingern betasten konnte. Sie liebte das Licht und sie liebte den Tanz. Sie liebte das Trinken und den Rauch und das Lachen. Sie liebte das Lachen so, wie der Mann ihr Lachen liebte. Und sie liebte ihn vermutlich auch. Ihn, den Wintermenschen. Aber der Sommer liebt die Freiheit von allem am meisten.

Der Mann zieht sein Portemonnaie aus der Hosentasche und sucht mit zittrigen Fingern im Kleingeldfach, als er sich in die lange Schlange aus Kindern stellt. Sonnenstrahlen schimmern durch die sich im Wind leicht wogenden Blätter. Hier standen sie oft, der Mann und die Frau. Hand in Hand.
Möchtest du ein Eis?, hatte er oft gefragt. Dann schüttelte die Frau den Kopf. Sie mag kein Eis.
Möchtest du auch ein Eis, Opa?, fragt der kleine Junge in der Schlange vor ihm lachend.
Nein, antwortet der Mann. Nein, ich warte nur auf den Sommer.

11 Kommentare:

  1. Oh, wow. Ich mag den Kontrast, den Du in der Kurgeschichte rausgebracht hast. Und auch die Art und Weise der Umsetzung.
    Besonders schön finde ich, wie Du die Emotionen des alten Mannes eingefangen hast, und seine Erinnerungen.
    Obwohl die Geschichte an sich keine wirklich spannungsgeladene Handlung vorweist, wollte ich dessen ungeachtet wissen, wohin sein Weg den Mann führt. Und das, obwohl ich es normalerweise wirklich nicht leiden kann, Geschichten auf dem Bildschirm zu lesen.
    Wirklich hübsch.
    Wurde der Wettbewerb schon ausgewertet? Und wenn ja: Was ist dabei rausgekommen? :)

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    1. Wow, vielen vielen Dank! Dass dir die Geschichte so gut gefällt, obwohl du online normalerweise nicht gern liest, freut mich natürlich besonders ♥ Vielen Dank.

      Und ja, der Wettbewerb wurde inzwischen ausgewertet und die Geschichte hat gewonnen, worüber ich mich wirklich sehr gefreut habe. Es wurde aber - das muss ich dazu sagen - nur vier Geschichten eingesendet, deswegen war die Konkurrenz nicht so groß. Der Wettbewerb ist aber eh eher so eine Sache unter Freunden/Hobby-Schreibern :)

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  2. Heute mal ein recht kurzer Kommentar, weil es mir wie dir geht, es gibt einfach zu viel zu tun. Aber an der Geschichte gibt es auch nichts zu kritisieren!

    Gefällt mir, schade, dass du selten Kurzgeschichten schreibst (die hab ich schneller mal gelesen ;) )

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    1. Vielen Dank, Mensch!

      Ja, vielleicht sollte ich mich öfter mal daran versuchen :) Irgendwie bin ich hierdurch auch auf den Geschmack gekommen. Mal schauen.

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  3. Die Kurzgeschichte ist unbeschreiblich.
    Zum einen regt sie während dem Lesen total zum Nachdenken an und man fiebert in jeder Zeile mit, was mit der Frau nun ist und ob der Mann sie wiedersieht - oder nicht. Und zum anderen ist es die Stimmung, die in jedem Wort mitschwingt. Irgendwie phantastisch.
    Jedenfalls berührt sie mich sehr! Habe wirklich schon lange nichts mehr so schönes gelesen. Hach :) <3

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    1. Wow, Mensch, vielen vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Es freut mich wirklich riesig, dass dir diese kleine Geschichte so gut gefällt, denn als ich sie geschrieben habe, dachte ich wirklich nicht, dass sie jemandem zusagen würde. Einfach danke. Wow :)

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  4. Wünsche dir einen wundervollen Freitag sowie ein super Wochenende,
    liebe Grüsse Babs

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  5. Hey, ich blogge seit ein paar Wochen wieder und würde mich sehr darüber freuen wenn du mal bei mir vorbei schaust und vielleicht sogar Leser wirst!
    Alex :)

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    1. Du solltest dringend deine Marketingmethoden ändern, Herzchen.

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  6. Wunderschöne Kurzgeschichte. Gefällt mir sehr.

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Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

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