Nach dem Traum

K A P I T E L 33
In dem wir die Ausdehnung des Lichts beobachten
Szene 1

Es war ein Stück von mir zurückgeblieben, in der ersten Phase, in der ersten Zeit, die gerade in meine Gedanken zurückgekehrt war, und nun hing es dort als Wolkenseele auf immateriellen Grund. Ein so großer Teil von mir ist noch dort, dass derjenige, der noch in meinem jetzigen Ich sitzt, sich falsch vorkommt, so fremd in diesem unendlich schweren Körper, in dieser festen Welt, in der nichts richtig ist. Es hat sich alles verloren. Alles, was über Millionen von Jahren Bestand hatte, ist zerbröckelt, zertrennt und das erste mal in meinem ganzen Leben fühle ich Hass, so stark, als wollte er mich von innen heraus verbrennen.
»Mara?« Glens Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, ein leichtes Wanken des Gefährts erinnert mich daran, wo ich mich befinde und ich öffne langsam die Augen, entspanne meine zu Fäusten geballten Hände und versuche ruhig zu atmen. Der Plastiksitz drückt unbequem in meinen Rücken und meine ganze rechte Körperhälfte ist verkrampft und angespannt.
»Hm?«, mache ich noch immer etwas benommen und blicke in das fremde Gesicht eines Söldners, der auf der Bank mir gegenüber sitzt.
»Schlecht geträumt?«, fragt Glen neben mir leise und ich nicke nur abwesend, weil ich nicht weiß, ob ich schreien oder weinen soll und deswegen fest die Zähne aufeinander beiße und nach draußen blicke.
Wann sind wir losgefahren? Ich denke im ersten Moment, dass der Morgen bereits graut, aber dann entdecke ich die breiten Müllringe am Himmel, die das Licht der Sonne einfangen und auf die nächtliche Seite der Erde reflektieren, alles mit einem warmen Licht benetzen. All die Zerstörung.
Der Wagen ist nach so gut wie allen Seiten offen, doch ich spüre nicht einen kleinen Windzug, obwohl wir uns so schnell bewegen, wie ich es noch nie in einem Auto erlebt habe. Vollkommen ohne zu Holpern gleiten wir über eine von Schutt bedeckte, bläulich schimmernde Straße, unser Weg ist gesäumt von unzähligen Häuserruinen, ich kann kaum erkennen, ob wir uns in einer Stadt oder einem Dorf befinden. Selbst das Licht des Himmels kann das Grau nicht aus den Bildern vertreiben, die sich in Windeseile vor meinen Augen aufbauen und ebenso schnell verändern.
»Wir sind kurz vor Paris«, sagt Glen und ich wende meinen Blick noch immer nicht von draußen ab. Es ist als sähe ich nur einen Film, denn ich kann die Kälte nicht spüren, die ich hinter den Kraftfeldern vermute, den erdigen, fauligen Geruch nicht riechen, der in der Außenwelt sonst mein steter Begleiter geworden ist.
»Gibt es hier eine Kolonie?«, will ich wissen, obwohl ich mich kaum in der Lage fühle zu sprechen, meine Stimme klingt taub und belegt, in meinen eigenen Ohren.
»Eine kleine, wir machen in etwa einer Stunde einen Zwischenstopp.«
Meine Finger zittern unkontrolliert, ich halte sie mit meiner Metallhand fest, damit es niemand sieht. Nein, ich will nicht hier sein, nicht jetzt, nicht so, nicht in diesem Leben. Es war immer alles schlecht, immer, immer. Das habe ich nicht verdient. Ich hasse den Gedanken, weil er egoistisch ist, aber er ist wahr. Ich habe nichts verbrochen, ich habe nie etwas Unrechtes getan und ich habe es nicht verdient, hier zu sein, in dieser verdreckten, kaputten Welt, die nicht mein Werk ist, auf der Flucht vor den Missgeburten des Kerns, die die eigentlichen Fehler im System sind.
Ich hasse die Wächter und ich hasse den Kern, weil sie mir alles nehmen wollen, das ich jemals besessen hatte. Ich hatte nie Freunde und ich hatte nie Ansprüche, ich hatte nie Wünsche und nie Träume – ich hatte immer nur mein Leben und aus keinem erklärbaren Grund wollen sie es mir entreißen – und ich hasse sie so so sehr dafür, dass es mich für Minuten betäubt, ich mich ewige Momente lang diesem berauschend negativen Gefühl einfach hingebe und mir vorstelle, wie wundervoll es wäre, wenn alles einfach zusammenbricht, das ganze dreckige System mit all seinen ach so glücklichen, ahnungslosen Seelen.
»Mara?«
Ich knurre leise, als ich Glens Stimme abermals vernehme und sehe dann doch etwas erschrocken zu ihm auf, in sein erstauntes Gesicht, als mir auffällt, was ich getan habe.
»Ist … alles in Ordnung?« Es liegt eine unbekannte Unsicherheit auf seinen vertrauten Zügen, fast, als würde ich ihm Angst machen und ich frage mich, ob es wohl an meinem Blick liegt, habe mich selbst nicht mehr unter Kontrolle und wende meine Augen ab.
»Ja, alles gut«, flüstere ich und glaube gleichzeitig, dass ich ihn auch hasse. Er nimmt an, er wüsste, was er tut, holt mich einfach hier hinab und denkt, es würde schon reichen, mir die Sache in die Hand zu legen, mir all den Mist aufzubürden, um den er sich eigentlich selbst kümmern müsste. Glen. Er ist so verflucht schwach, er sollte mir nicht mehr Leid tun.
Ein Kribbeln hinter meinen Augenlidern. Die Tränen, die mir über die Wangen rinnen, rühren nur vom Zorn her und ich presse meine kühlen Hände auf das Gesicht, um sie zu verbergen. Verflucht, was tue ich hier.
»Erinnerung?«, fragt er und ich bin versucht, ihm einfach den verdammten Mund zuzuhalten.
»Stahlphase«, sage ich leise, hoffend, dass er jetzt einfach ruhig ist, bis ich mich wieder beruhigt habe. Mitleidige Blicke aus allen Richtungen, als ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln wische und versuche, mich zu beherrschen, meine Gedanken zu ordnen, weil ich keine Ahnung habe, was so plötzlich mit mir los ist. Wie kann ich mich so plötzlich so anders fühlen? Wie kann ich mich plötzlich so anders fühlen.



Das neuste Kapitel aus meinem aktuellen Romanprojekt

6 Kommentare:

  1. Haha, würde ich alleine joggen gehen hätte ich auch null motivation, aber zu zweit spornt man sich gegenseitig etwas mehr an :D
    Uff..ich kann noch üüüberhaupt nicht gut Gitarre spielen, hab wenn's hoch kommt 10 Gitarrenstunden bis jetzt :'D Und bin dazu doch viel zu schüchtern xD

    Hach und ich mag dein Buch :D Ist für mich unbegreiflich, wie man nur auf so tolle Ideen kommen und sie dann auch noch so gut umsetzen kann :D

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  2. ich hoffe mal, dass das alles so klappt, wie ich mir das wünsche, mal sehn...
    Danke, mich freut es immer unheimlich, wenn Dir meine Fotos gefallen! (:
    Ich finde Deine Designs von beiden Blogs ganz wunderbar und beneide Dich ein wenig darum, irgendwie gefällt es mir viel besser als das, was ich so habe..aber gut, es ist Deins und es nach zu machen wäre arm ^^

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  3. oh! Entschuldige, ich vergaß zu erwähnen: ein wunderbarer Text. Das einzige, was mich gestört hat, war das "Mist". Das passt irgendwie nicht so ganz da rein, finde ich...keine Ahnung wieso...
    Vielleicht liegt es daran, dass ich immer nur diese einzelnen Abschnitte lese, wenn ich das als Buch lesen würde, würde ich es vielleicht anders sehen ^^

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  4. vielen Dank! Ich hoffe, dass ich noch mehr Leute damit ein wenig zum nachdenken anregen kann... (:

    Ich lese jeden Deiner Texte. Ich finde sie wunderbar. Du hast einen tollen Schreibstil!

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  5. Dankeschön. Freut mich dass mein Blog gut ankommt, auch wenn ich nicht immer regelmäßig Zeit habe zum bloggen.
    Liebe Grüße!

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  6. Hach ja, wunder-, wundervoll wie eh und je, sprachlos zurücklassend wie bereits gewohnt. ♥ Ich brenne darauf, mehr davon zu lesen und freue mich bereits auf den nächsten Ausschnitt. :)

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Lernt mich kennen

Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

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