Prolog: Über das Konstrukt der Seele und seinen Architekten


Sekunde 0.
.nerraN muz hcim tläh tsurB reniem ni gniD ettupak saD

Es ist die erste Nacht seit Langem, in der ich mich wieder nach draußen wage und meine Augen sind so vernebelt von dem brennenden Rauch, der zwischen den Gemäuern wabert, dass ich das Lichtspiel der Sterne nur durch einen drückenden Tränenschleier erkennen kann. Buntes Flackern tanzt vor dem dunklen Himmel, die Tür der Veranda schließt sich sacht von selbst hinter mir, als ich an das Geländer trete, die schweren Gewänder hinter mir herschleifend und, das Gesicht gen Himmel reckend, meine Arme in den kühlenden Wind hinaushalte. Luftschiffe kreisen weit über mir, nichts als schwarze Löcher vor den Wirrungen der Gestirne. Wie gern ich sie früher beobachtet und mir gewünscht habe, einmal mit ihnen fliegen zu können. Doch dieser Traum wurde inzwischen erfüllt und der Zauber der Illusion ist mit ihm zusammen dort verloren gegangen, wo sich die Monde treffen. Zurück bleibt nur der Wunsch, selbst einmal fliegen zu können, fort aus dieser Zeit, fort aus dieser Welt, aus dieser Geschichte. Hatte es mich früher nie gekümmert, wohin ihre geschickten Finger mich schoben, bin ich ihrer inzwischen überdrüssig geworden und sehne mich nach nichts mehr als Frieden, als das Losgelöstsein von diesen irdischen Sorgen.
Eine kühle Brise zieht über die Dächer der Stadt und trägt das unaufhörliche Ticken des Grabens mit sich, in dem sich vor Jahren die Zeit offenbart hat. Schwere, erdige Düfte, freigesetzt von goldenen Zahnrädern, die sich in das Erdreich graben, schweben seitdem durch die Luft. Das regelmäßige Klicken des Uhrwerkes erinnert mich an die eisblauen Augen des roten Gottes, an diesen eigenartig süßen Geschmack auf meiner Zunge, als hätte sich Flieder mit Milch vermischt. Ein Kuss der Ewigkeit, gefangen auf meinen Lippen, in meinem endlichen Geist. Mit ihm habe ich das Leben verleugnet.
Und nun befinde ich mich im Haus des mächtigsten Menschen der mittleren Welt und zweifle an mir selbst. Das kaputte Ding in meiner Brust hält mich zum Narren, impft mir Wünsche in den Kopf, die nie von mir selbst hätten stammen können und als ich die Weite der Stadt sehe und hinter ihr die grünen Wiesen der armen Länder, möchte ich fliehen, weglaufen von diesem Ort, an den ich vor wenigen Umdrehungen noch so verzweifelt zu gelangen versucht hatte.
Mein Blick reicht so weit, dass ich meine, den Weg zu sehen, auf dem ich gekommen bin, der Weg, der mich so sehr verändert hat. Ich bin noch nicht ganz angekommen, aber die nächsten Schritte verbaut mir das Schicksal.
Ein leises Klicken hinter mir verrät die Ankunft des roten Herren, der sich ebenso geräuschlos durch die Welt, wie durch meine Gedanken bewegt. Manchmal kündigt ihn nur das schnelle Ticken der Taschenuhr an, die mit der Zeit zusammen so schwer an der Kette um seinen Hals hängt und ab und an denke ich, dass er sich schon vor langem aus dieser Welt gestohlen haben muss. In Wirklichkeit singt er doch schon mit dem Gott des dritten Mondes alte Lieder, in Wirklichkeit tanzt er doch schon mit der Uhr der Blumen den Totentanz der Unendlichkeit.
Und er ist kein Gott. Er kann meine Gedanken nicht lesen, mit seinen leeren, blauen Augen nicht in meine Seele blicken, selbst wenn er ihr Architekt sein sollte.
»Ein gutes Gefühl, den Verrat das erste Mal zu kosten, oder?«, murmelt er und legt seine mondblasse Hand auf meine Schulter, streicht fast beiläufig über die dunkle Haut, die er kaum berührt. Ich sehe das typische Lächeln auf seinen femininen Zügen fast vor mir, so unschuldig knabenhaft wie bei unserer ersten Begegnung. Der blumige Duft in seinem langen Haar schmiegt sich an meine Sinne, während ich mich unauffällig versuche, von ihm fortzubewegen.
»Unsinn«, entgegne ich und zwinge meinen Mund zu einer weiteren Lüge. Die saubere Aussprache meiner Stimme ist mir fremd, aber der Stolz, der mit ihr einher kommt, schmeckt unerwartet süß auf meiner Zunge. »Verrat. Er ist mir inzwischen schon so bekannt wie das Pochen meines Herzens in der Brust.«

 

Prolog meines neuen Romanprojekes "Über das Konstrukt der Seele und seinen Architekten."
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13 Kommentare:

  1. Gefällt mir sehr gut. Hach, du schreibst so toll!

    Werden wir mehr davon zu lesen bekommen? Und ich bin voll dafür, dass das dein Hauptnebenprojekt wird, es klingt wirklich interessant. (:

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  2. Oh, vielen lieben Dank, es freut mich echt, dass es dir gefällt! (:
    Ich denke nicht, dass ich hier auf dem Blog noch mehr davon einstellen werde, ganze Kapitel zumindest auf keinen Fall (und im Forum möchte ich die Geschichte erst recht nicht posten, du weißt ja, wegen der Vergleiche etc.)

    Und ja, es ist auf jeden Fall zurzeit mein Hauptnebenprojekt. Das wird sicher etwas Ernstes ^//^

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  3. Gefällt mir auch echt gut :D auch wenn ich noch etwas sehr verwirrt bin, aber das ist ja bei Prologen meistens so. Ich hoffe doch, dass sich einiges noch aufklären wird? :]
    Aw und in der 8. Zeile soll das eine Wort, glaub ich, "gekümmert" heißen, oder?

    Aw, von Stanislaw Lem hattest du schonmal was gesagt, ja :D Aber das ist doch gut, wenn du da schon was zu Hause hast, dann steht ja dem Lesen nichts mehr im Weg! Und wegen öfter Schreiben - hm, ich weiß nicht :/ Irgendwie hab ich den Drang dazu nicht, aber mal sehen...
    Uh und viel Spaß mit "Delirium" wenn du es liest. Mir hat es wirklich, wirklich gut gefallen!

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  4. Hey :)
    Mir gefällts auch sehr gut! Es ist schön wieder was von dir zu lesen ... für KS hab ich leider zu wenig Zeit :(
    Am aller aller liebsten hab ich den letzten Satz (der hats in sich!) und die erste Hälfte des ersten Satzes .... wieso nur die erste Hälfte? Weil er mir für einen ersten Satz etwas zu lang ist. Aber lange, etwas komplizierte Formulierungen gehören ja quasi schon zu deinem Stil, von daher hör ich auf zu meckern :P
    Auf jeden Fall würde ich mich freuen mehr von dieser Geschichte zu erfahren - der Titel ist übrigens grandios gewählt und weckt in mir große Erwartungen, ich bezweifle dass eine Geschichte je auch nur Ansatzweise diese Erwartungen erfüllen könnte, aber ich bleib bei dir mal optimistisch ;)

    Liebe Grüße
    Tina

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  5. Hallo Tina,

    uh, wie toll, einen Kommentar hier von dir zu lesen, das freut mich! Echt super, dass dir der Satz gefallen hat und ja, du kennst mich einfach schon zu gut - an meinen langen Sätzen und meiner komplizierten Ausdrucksweise hänge ich so sehr :')

    Freut mich auf jeden Fall, dass du den Prolog mochtest. Mehr wird es wohl nicht zu lesen geben, nur ab und an einen Textfetzen oder eben hier und da ein paar Hintergründe im Forum, aber vorerst soll Kernstaub doch mein einziges Werk online bleiben ;)

    Liebe Grüße,
    Marie

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  6. Kann ich nachvollziehen, dass du nicht so viele Geschichten online stellen möchtest.
    Gut, dann werde ich mich fürs erste damit begnügen müssen, mich durch alle Hintergründe-Threads zu wühlen :)
    Aber wenn du mal hierfür einen Betaleser oder so haben willst ... dann melde ich mich dafür äußerst gerne ;P

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  7. Hihi, danke für das Angebot! Ich werde vielleicht darauf zurückkommen :3

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  8. Du schreibst unglaublich gut! Gefällt mir richtig gut und es lässt sich auch leicht lesen, also flüssig.. :D Weißt du was ich meine? :D

    Und ja, ich liebe meine Kamera :) Hab sie vor Jahren zum Geburtstag bekommen, aber ich hab sie noch genauso lieb wie am ersten Tag, auch wenn sie schon ein bisschen mitgenommen aussieht ^^

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  9. Das Artwork find ich diesmal auch echt besonders gut gelungen :D Schmückt auch schon meinen Desktop ^^

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  10. Wie uuunglaublich gut du schreibst! Da kann man ja nur neidisch sein D;

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  11. Huhu du,

    Wow, das ist wirklich super geworden. Du schreibst wie immer echt toll. Es ist verwirrend und macht sofort Lust auf mehr. Ich würde gern noch weiter lesen :)
    Ich hoffe, dass wir noch ein bisschen mehr zu lesen bekommen. Mich würde es sehr freuen.

    Liebe Grüße

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  12. Hey Jojo,
    vielen lieben Dank fürs Lesen und für deinen Kommentar! Es freut mich sehr, dass dir der Text gefallen hat und dass er Lust auf mehr macht. Vielen Dank (:

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  13. Ich bleibe dabei - als Nebenprojekt haut mich Das Konstrukt der Seele und ihre Architekten von den Füßen.
    Was für ein Prolog.

    Gerade die richtige Mischung von Entführung in diese, deine Welt und der Eröffnung einiger der Mysterien, die du für uns bereit hältst. Die du in ihr für uns versteckt hast.
    Es war eine wahre Freude, diesen Prolog zu lesen. Und es ist eine Qual, mehr nicht lesen zu können. Ich bin sicher, du kennst das Gefühl, und ich bin mir sicher, dir wurde auch bereits berichtet, dass auch du es in uns Lesern auslösen kannst.
    Aber nach diesem Prolog kann ich es noch weniger erwarten, dass Kernstaub in meinem Briefkasten landet. Ich hab es mir heute gekauft - und je mehr ich von dir lese, an Ausschnitten, aber auch an Hintergründen und Planungsergebnissen, desto größer werden die Erwartung, desto mutiger wächst die Vorfreude.
    Ich kann es kaum erwarten.

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Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

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