Kurzgeschichte: Zwei Kerzen


Es ist die Stille, die mich aus dem Schlaf reißt. Das monotone Surren des Kühlschranks ist erstorben, die Lampe ist erloschen und ich hebe meinen Kopf von der Tischplatte auf, richte meine starren Glieder, die sich allzu sehr an meine schmerzhaft verzerrte Position gewöhnt hatten. Der Wecker zeigt keine Zeit, vor den Fenstern ist die Laterne erloschen.
Stromausfall.
Wie spät ist es? Der Mond hat sich selbst hinter dichten Wolken verborgen, mein Blick auf die Analoguhr schlägt fehl und meine Augen wandern irr im Raum umher, auf der Suche nach etwas, das sie in der Dunkelheit fesseln könnte.
‚Du solltest schlafen gehen‘, hat er gesagt, bevor er aus dem Raum gegangen ist und mich wieder allein gelassen hat. Er hätte hier bleiben können, ich habe ihn darum gebeten. Aber er hat meine Bitte nicht befolgt, also richte ich mich auch nicht nach der seinen.
Schlaftrunken richte ich mich auf, taumle durch die Schatten, versuche, nirgends anzuecken. Ich bin den Weg schon so oft gegangen, dass ich die Tür schneller finde als gedacht, öffne sie behutsam und spähe blind in das Wohnzimmer. Sein leises Atmen ist zu hören.
Nur für einen kurzen Moment überlege ich, in einem der Schränke nach Kerzen und Streichhölzern zu suchen, aber das würde ihn wecken, also verwerfe ich den Gedanken wieder.
Behutsam taste ich mich an der Wand entlang und suche meinen Weg durch den Raum. Es ist mitten in der Nacht, doch ich will nicht schlafen, ich kann es nicht, aber noch schlimmer ist es hier zu sein, allein den Gedanken überlassen. Ich halte Inne, als meine Finger den weichen Stoff der Jacke erfühlen, die am Kleiderständer hängt. Achtsam klaube ich sie hinunter, streife sie über meine Arme, stehle mich aus der Tür. Den Schlüssel kann ich ruhig vergessen, er wird mir öffnen, wenn ich wieder da bin.
Als ich das dunkle Treppenhaus hinabschwanke, fühle ich mich alt. Ich fühle oft alt, auch wenn ich es nicht bin. Vermutlich habe ich das falsche Leben bekommen. Die Ewigkeit zu zweit allein, so wie es niemand haben möchte, aber doch zu viele bekommen. Das Sein macht viele falsche Geschenke.
‚Wohin willst du?‘
Ich zucke zusammen, als seine dunkle Stimme durch die Dunkelheit schneidet, wende mich langsam um, aber ich sehe nichts. Wie hat er die Tür geöffnet, ohne dass ich es gehört habe?
‚Ich kann nicht schlafen‘, flüstere ich. Der Flur ist hellhörig und die Nachbarn wachsam. Sie haben schon lange ein Auge auf uns geworfen, scheint mir.
‚Du hast es gar nicht versucht‘, spricht die Dunkelheit. Schlurfende Schritte, die wieder sich wieder in die Wohnung suchen. Ich folge ihnen.
‚Der Strom ist weg‘, stelle ich fest, nur um etwas zu sagen, als ich die Tür hinter mir schließe.
‚Denkst du, das habe ich nicht bemerkt?‘
Ein Seufzen aus meiner Lunge, als ich mich an die Wand lehne.
‚Und ich habe auch bemerkt, wie du hinaus gegangen bist.‘
‚Ich dachte, du schläfst noch.‘
Er lacht und es klingt sogar leicht amüsiert.
‚Du bist ein Trampeltier, das war unmöglich zu überhören.‘
Ein unsichtbares Schmunzeln huscht über meine Lippen, ich taste mich langsam zum Sofa vor. Er kramt in einem Schrank herum, vermutlich sucht er die Kerzen.
‚Kannst du erkennen, wie spät es ist?‘, frage ich, als ich seine Decke etwas zur Seite schiebe, um mich auf die Couch zu setzen.
‚Gleich 3‘, sagt er knapp und zündet ein Feuerzeug an, um die Dochte einiger Teelichter anzustecken. Der Raum wird in einen warmen Schimmer gehüllt, aber die Schatten kleben noch immer an den Wänden, als hätten sie sich hineingesogen.
‚Kaffee wäre jetzt gut‘, sage ich, einfach um etwas zu sagen. Ich hasse es, mit ihm zu sprechen, aber noch mehr hasse ich es, mit ihm zu schweigen.
‚Hoffen wir einfach, dass der Strom wieder geht, wenn wir los müssen.‘
‚Ist ja nicht mehr lange hin.‘
Er stellt die Kerzen auf den Stubentisch und setzt sich dann neben mich. Wie gebannt sehen wir die Lichter an, wie sie lautlos vor sich hinflackern, mit der Finsternis tanzen und wanken.
‚Warst du wieder die ganze Nacht wach?‘, fragt er und ich seufze.
Das geht dich nichts an, will ich sagen, aber über meine Lippen kommt nur ein ‚nein‘.
‚Dann bist du wieder am Schreibtisch eingeschlafen.‘
‚Das geht dich nichts an.‘ Dieses Mal habe ich es doch geschafft und er fühlt sich schlecht an, dieser Satz, verdammt schlecht.
Wir schweigen so lange, dass mir die Stille in den Ohren schmerzt und ich überlege, doch ins Schlafzimmer zu gehen.
‚Wann musst du los?‘, fragt er, als ich mich gerade erheben will und ich zucke mit den Schultern.
‚Gegen 6 muss ich da sein. Und du?‘
‚Auch.‘
Und wieder diese Stille. Wenn er sich wenigstens anstrengen würde, wenigstens etwas sagen. Aber nein, wenn ich es nicht tue, dann tut er es auch nicht. Nie.
‚Ich leg mich noch mal hin’, stöhne ich und rapple mich schwerfällig auf.
‚Warte.‘ Er packt mich am Handgelenk und ich reiße meinen Arm entsetzt weg.
‚Was?‘, frage ich lauter als beabsichtigt.
Er holt tief Luft, als ich mich wieder in das Polster zurücklehne.
‚Ich denke, wir sollten noch einmal reden.‘
‚Ach?‘, höhne ich, ohne zu wissen warum. Ich will ihm nicht wehtun, ich will nichts weniger, aber ich bin zu überrascht von seinen Worten. ‚Du wolltest drei Jahre lang nicht reden und jetzt plötzlich, als es … schon zu spät ist.‘
‚Nichts ist zu spät.‘
‚Halt deinen Mund.‘
Die Flammen der Kerzen kämpfen gegen die Dunkelheit an, aber die Teelichter waren nur billig und das Wachs ist bald aufgebraucht. Dann wird es wieder dunkel sein. Ich finde uns in diesem Schauspiel wieder. Eigentlich finde ich uns überall wieder. In der Finsternis liegen, angezündet werden, in Flammen stehen, kämpfen und irgendwann wieder verlöschen. So läuft die Liebe. Nur normalerweise nicht so schnell wie bei uns.
‚Ich gehe jetzt schlafen‘, verkünde ich, auch wenn ich es nicht vorhabe. Ich will nur fliehen und das weiß er. Sein ‚ja‘ begleitet mich auf meinem Weg ins Schlafzimmer, ich schließe die Tür und lehne mich an sie.
Ich habe gekämpft. So lange und so viel und meine Flamme brannte noch, als seine schon längst verloschen war. So haben wir die Chance auf ein gemeinsames Ende verwirkt. Wir spenden kein Licht mehr, keine Wärme und unser Wachs ist schon lange verbraucht.
Wir sind wieder gefangen in den Schatten.

1 Kommentare:

  1. Wow.
    Marie ... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.
    Dieser Text ist der Wahnsinn.
    So traurig. Und gleichzeitig wunderschön.
    Für mich gibt es nichts Treffenderes, als deine Beschreibung einer solchen 'Liebe'. Ist sie nicht so? Alles, was wir haben wollen - und besitzen wir sie, wird sie alltäglich. Besitzen wir sie zu lang, wird sie lästig.

    *-*

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Ich bin Marie Graßhoff, 26. Autorin, Bloggerin, Designerin, Booknerd & Social Media Mensch. Verfolgt mich auf meinem Weg durch die Welt und lasst euch in das Märchen meines Lebens entführen.

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